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Rede bei der Mahnwache für die Opfer in Hanau

Am Do. 20.02.2020 fand an der Paulskirche eine Mahnwache für die Opfer von Hanau statt, zu der auch der Ratsvorsitzende eingeladen war. Prof. Dr. Joachim Valentin hielt die folgende Rede:

 

Rede bei der Mahnwache für die Opfer in Hanau

Der Rat der Religionen Frankfurt trauert um die Opfer von #Hanau. schon jetzt steht aufgrund des Bekennerschreibens und der Auswahl der 15 Opfer außerhalb der Familie des Täters, die alle Migrationshintergrund haben, eindeutig fest, dass er klar rassistische Ansichten verbreitete und also wohl auch aus rassistischer Motivation gehandelt hat. Zudem hat er Verschwörungstheorien verbreitet, die abstrus anmuten, die manche als geisteskrank deuten und damit entpolitisieren wollen, die aber von der Abstrusität anderer rechter Verschwörungstheorie nur wenig entfernt ist. Man denke nur an die Verschwörung der Weisen von Zion oder einer angeblichen Umvolkung, deren Umsetzung man gerne dem jüdischen Milliardär und Wohltäter Soros in die Schuhe schieben will.

Damit speist sich sein Denken aus einer sowohl antisemitischen wie rassistischen Wolke von Ressentiment, Hass, Abwehr und schließlich tödlicher Gewalt, wie Sie in Deutschland innerhalb kürzester Zeit zu unerträglich vielen, gemeinen und schändlichen Gewalttaten ähnlicher Struktur geführt hat.

Diese rapide Zunahme rechter Gewalttaten vor allem, und das ist für mich als Hesse besonders unerträglich, in unserem Bundesland – aber eben auch darüber hinaus – macht uns Mitgliedern des Rates der Religionen, in dem viele Menschen mit Migrationsgeschichte sich versammeln, größte Sorgen. Aber es festigt auch unsere Entschlossenheit und Solidarität untereinander gegen alle, die vor allem muslimischen Bürgerinnen und Bürgern, teilweise mit pseudowissenschaftlicher Expertise, pauschal eine Neigung zu Gewalt und mangelnde Demokratiefähigkeit unterstellen. Anders als diese selbsternannten Expertinnen behaupten, ist Islamophobie eben keine Erfindung von Islamisten, und die Warnung vor grassierender Islamfeindlichkeit bis tief in bürgerliche Kreise hinein, auch hier in Frankfurt, ist nicht die Immunisierung vor berechtigter Islamkritik.

Angehörige gehasster Gruppen befürchten seit Langem, dass erst viele Menschen getötet werden müssen, bis endlich im Bewusstsein der Entscheider und namhafter Teile unserer Bevölkerung ankommt, dass Rechtsterror für die gesamte Gesellschaft eine Gefahr darstellt – und dass Attentäter zumindest in Deutschland eher selten Mohammed, dafür umso häufiger Tobias oder Peter heißen. Wir können nicht hinnehmen, dass in unserem Land Menschen auf offener Straße ermordet werden – aus welchem Motiv auch immer.

Aber jahrelang haben sich unsere Sicherheitsbehörden auf die wichtige und notwendige Bekämpfung von Islamismus konzentriert. Unsere Behörden haben zu lange geschlafen, wenn es um die Bedrohung von rechts geht. Die wurde nicht ernst genommen, sondern als Minderheitenproblem abgetan. Erst seit rund einem Jahr haben die Behörden das Thema überhaupt erst ernsthaft auf dem Schirm.

Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass die mutmaßliche rechte Terrorzelle “Der harte Kern” mit mindestens vier Mitgliedern und acht Unterstützern offenbar bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland herbeiführen wollte. Die Polizei nahm sie fest, nun sitzen die Männer in Untersuchungshaft. Sie sollen Angriffe auf sechs Moscheen geplant und diese ausgespäht haben. Dass selbst das Bundesinnenministerium sagt, es sei erschreckend, was hier zutage getreten ist, lässt erahnen, wie gefährlich die Männer um Werner S. alias “Teutonico” gewesen sein müssen.

Was also tun? Wir brauchen mehr Offenheit der Sicherheitsbehörden. Es muss gezielt kommuniziert werden, wer, wie, was macht. Wir brauchen endlich eine klare Sprache: Die Motive des Hanau-Attentäters sind nicht nur “fremdenfeindlich”, sondern sie sind dezidiert rassistisch. Menschen in Shisha-Bars sind nicht per se “Fremde”, sondern sie sind unsere Mitbürgerinnen, oft mit deutschem Pass. Wir haben es mit einer weltweiten Bedrohung und einer weltweiten Vernetzung zwischen Europa, Australien und den USA zu tun. Die Texte von Breivik, dem Christchurch- und dem Halle-Attentäter zeigen hier eindeutig ideologische und konkrete Verbindungen eines internationalen rechten Netzwerkes. Spätestens heute wissen wir, dass die Bedrohung mittlerweile so akut ist, dass die Bevölkerung ein Recht auf Details hat, genauso wie sie ein Recht auf die Details der Islamistenszene hat.

Hier und heute rufen wir aber auch zur ganz konkreten Solidarität heute auf: mit den Opfern und ihre Freunden und Familien, mit all denen, die jetzt noch mehr Angst haben wegen ihrer Religion, ihrer religiösen Kleidung, ihrer Hautfarbe oder ihres Passes morgen die nächsten Opfer zu sein. Wir wünschen uns ein entschiedenes Zusammenrücken der Gesellschaft.

Dafür kann jeder und jede hier auf dem Platz etwas tun: viele von uns haben Freunde und Verwandte, die rechtes Gedankengut inzwischen hoffähig am Arbeitsplatz verbreiten: widersprechen wir ihnen, stellen wir sie zu Rede und schweigen wir nicht zu Gedanken, die inzwischen vor allem hier in Hessen regelmäßig zu Taten werden! Aber überbrücken wir auch immer wieder die kulturellen Gräben: Sprechen wir mit der Kopftuch tragenden Frau an der Supermarktkasse oder in der Kita freundlich, teilen wir unseren Alltag, laden wir uns gegenseitig zum Kaffee ein. Lassen Sie uns ganz konkret, an den vielen tausend Orten, hier in Frankfurt und anderswo, zu echten Freunden und Freundinnen werden. Ein Täter wie der von Hanau oder mögliche Nachahmer müssen wissen, dass ihnen niemand Beifall klatscht, und dass Solidarität zwischen Religionen und Kulturen, vor allem aber zwischen konkreten Menschen, zwischen uns allen, stärker ist als Hass.

In Gedanken sind wir bei den Opfern und Hinterbliebenen.

 

 

Quellen:

  • Pressemitteilung des Rates der Religionen vom selben Tag.
  • Artikel “Der Anschlag von Hanau muss ein Weckruf sein”, Lamya Kaddor, 20.02.2020.