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AG-Beitrag der Geschäftsführung

Die Geschäftsführerin, Sarah Wohl, war am 21. Februar 2020 zur bundesweiten Vorbereitungstatung zur Interkulturellen Woche eingeladen und hat dort einen Impuls in AG6 | Die Interkulturelle Woche im vielfältigen Miteinander gegeben, den Sie unten im Volltext finden (es gilt das gesprochene Wort).

Weitere Informationen zur Tagung finden Sie hier.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

vielen Dank für die Einladung, hier heute mit Ihnen über einen Artikel sprechen zu dürfen, den ich – wer ihn gelesen hat, wird es wissen – etwas verärgert und pointiert geschrieben habe. Ich habe das Anliegen, das ich mit diesem Artikel formulieren wollte, in drei Thesen zusammengefasst. Diese möchte ich Ihnen vorstellen.

Vorher möchte ich noch zwei Anmerkungen machen. Zuerst etwas Persönliches. Sie wissen vielleicht, dass ich aus Frankfurt komme, 20 km von Hanau entfernt, wo vorgestern 11 Menschen gestorben sind, mindestens neun, wahrscheinlich 10 davon wurden ermordet.

Gestern Abend war ich in Hanau bei der Mahnwache, den der Runde Tisch der Religionen dort, einer unserer Kooperationspartner, mit organisiert hat. Ich kann heute nicht sprechen, ohne an Hanau zu denken, und viele von Ihnen stehen vielleicht auch noch unter dem Eindruck von Hanau, von Halle, vielleicht stärker als ich auch unter dem Eindruck der Wahl des thüringischen Ministerpräsidenten.

Jedenfalls, unser Thema heute ist „Die interkulturelle Woche im vielfältigen Miteinander“, und ich möchte Sie einladen, mit mir darauf zu schauen, was das aus einer interreligiösen und multireligiösen Perspektive bedeuten könnte.

Das führt zu meiner zweiten Anmerkung: ein paar Hintergrundinformationen über meinen Arbeitgeber, den Rat der Religionen Frankfurt. Der Rat der Religionen wurde vor fast 11 Jahren gegründet, damit ist er nicht der älteste, aber einer der älteren Räte der Religionen in Deutschland. Im Rat sind – je nach Zählweise –7 bzw. 9 verschiedene Religionen zusammengeschlossen, die Vertreter entsenden. Dazu gehören die bekannten Weltreligionen, aber auch kleinere Glaubensrichtungen wie Baha’i-Religion, Sikh-Religion und Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Seit seiner Gründung war der Rat der Religionen in unterschiedlichen Formen an der Organisation der Interkulturellen Wochen in Frankfurt am Main beteiligt: von 2009 bis 2015 durch multireligiöse Friedensgebete zum Auftakt der IKW, seit 2016 durch Mitarbeit im Initiativkreis zur Planung der interkulturellen Wochen. Teilweise bieten außerdem unsere Mitgliedsreligionen Veranstaltungen im Rahmen der IKW Frankfurt an. Außerdem hatten wir die Ehre und das Vergnügen, bei der Bundesweiten Vorbereitungstagung vor zwei Jahren ein multireligiöses Friedensgebet ausrichten zu dürfen. Dazu gleich – oder später im Gespräch –etwas mehr. Was auf jeden Fall wichtig ist: Wir arbeiten gleichberechtigt und auf Augenhöhe. Wir arbeiten nicht mit Mehrheitsverhältnissen, die streng proportional zur Größe der jeweiligen Religionsgemeinschaften in Deutschland sind, sondern so, dass auch die kleineren Religionen Gehör finden. Wir arbeiten mit viel gutem Willen und gegenseitiger Rücksichtnahme: die meisten Entscheidungen im Rat – und das überrascht viele – werden einstimmig getroffen, zur Not nach vielen Diskussionen. Und wenn jemand – nicht wegen seiner Persönlichkeit, sondern aus formulierbaren Glaubensüberzeugungen – etwas nicht mittragen kann, dann wird das grundsätzlich respektiert und ernstgenommen. (Innerhalb der Grenzen des Grundgesetzes, des gegenseitigen Respekts und eines Verzichts auf Missionierung innerhalb des Rates.)

Ich stelle Ihnen jetzt meine 3 Thesen vor, und dann erläutere ich sie mit Beispielen aus der Tätigkeit des Rates der Religionen, vielleicht auch aus meinem persönlichen Leben:

 

  1. Man kann die Stimmen der „anderen“ nicht ersetzen – jede*r spricht für sich selbst.

Diese These ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit in der interkulturellen Arbeit. Interkulturalität bedeutet, dass Begegnungen stattfinden und Menschen versuchen, sich in andere hineinzuversetzen, Perspektivwechsel zu vollziehen. Ich kann zwar über andere sprechen und berichten, was ich über sie zu wissen meine, aber ich kann dabei diese Personen nie ersetzen – allein schon deshalb, weil sie ihre Meinung geändert haben könnten, seit ich das letzte Mal mit ihnen in Kontakt war. (Oder vielleicht habe ich sie missverstanden.)

Im Rat der Religionen Frankfurt setzen wir dieses Prinzip so um, dass wir versuchen, nicht für „Andere“ zu sprechen. Wenn ich eine Anfrage zu einer bestimmten Thematik in einer bestimmten Religion bekomme, dann stelle ich einen Kontakt her, damit jemand aus dieser Religionsgemeinschaft die Frage beantwortet. Das mache ich grundsätzlich so, egal wie sicher ich mir bin, die Antwort zu wissen, einfach, weil es ein Grundprinzip für meine Arbeit ist. Und ich bin dabei schon mehr als einmal mit meinen eigenen Stereotypen konfrontiert worden, wenn mich die Antworten überrascht haben. Und das gilt für alle Religionen.

 

Meine zweite These:

  1. Kultur und Religion sind nicht gleichzusetzen, können aber auch nicht trennscharf unterschieden werden. Deshalb bedeutet kultursensibles bzw. interkulturelles Arbeiten immer auch, im Bewusstsein einer christlichen (katholischen bzw. landeskirchlichen) Dominanz und christlich-säkularen Prägung in der Gesamtgesellschaft zu handeln. Und es sollte auch bedeuten, bewusst Räume und Gehör für religiöse und kulturelle Minderheiten zu schaffen.

Kultur und Religion sind nicht gleichzusetzen – beispielsweise wird das Christentum in Norddeutschland anders gelebt als in Süddeutschland, anders als in mehrheitlich orthodoxen Ländern, anders vielleicht auch als in Subsahara-Afrika, auf den Philippinen, in Skandinavien oder in Lateinamerika. Das liegt eigentlich auf der Hand. Was ich aber genauso wichtig finde, und was in der Ausrichtung der interkulturellen Wochen meiner Meinung nach noch nicht stark genug berücksichtigt wird: Kultur und Religion können auch nicht trennscharf unterschieden werden, gerade in der Bundesrepublik Deutschland nicht.

Unsere gewachsene Mächtebalance zwischen Kirchen und säkularen Kräften in Deutschland – das berühmte Kooperationsmodell, die hinkende Trennung – bringt Staat und Religionen zu einem anderen Ausgleich, als das anderswo der Fall ist. Schon in unseren europäischen Nachbarländern ist das Verhältnis in einigen Aspekten anders.

Lassen Sie mich einige Konsequenzen aufzählen, die meistens Minderheitenangehörigen und denjenigen, die von außen dazukommen, stärker auffallen (vielleicht aber auch denjenigen, die in der DDR großgeworden sind?):

  • konfessioneller Religionsunterricht an Schulen
  • die Ausbildung von Theologinnen und Theologen an staatlichen Universitäten
  • das Sonderarbeitsrecht der Religionsgemeinschaften
  • die Einziehung von Kirchensteuern durch den Staat.

Ich erwähne das nicht, um zu sagen, dass das per se gut oder schlecht ist. Eher möchte ich diejenigen von Ihnen, die einer Mehrheit angehören, zu einem interreligiösen Perspektivwechsel einladen:

Was bedeutet es möglicherweise für jezidische oder buddhistische Gemeinden, Religionsunterricht in Schulen zu organisieren – oder eben nicht organisieren zu können?

Wie kann eine hinduistische Priesterausbildung an deutschen Universitäten aussehen?

Was bedeutet es, seine wichtigsten Feste an Werktagen zu feiern?

Was bedeutet es für nicht christliche Menschen, im sozialen Bereich, in der Pflege, teilweise auch in der Bildung in Deutschland Arbeit zu suchen?

Und was bedeutet es, wenn einem trotz solcher Herausforderungen gesagt wird, dass in Deutschland alle gleich sind?

Natürlich ermöglicht das deutsche Religionsverfassungsrecht viele Spielräume durch das Zusammenspiel von Religionsfreiheit und Gleichheitsrechten und durch die mittelbare Drittwirkung von Grundrechten im Privatrecht. Nichtsdestotrotz: Minderheitenangehörige haben nicht in allen Bereichen die gleichen automatisierten, selbstverständlichen Teilhabemöglichkeiten. Vielleicht lässt sich das in einer vielfältigen Gesellschaft nicht anders regeln – aber es anzuerkennen und auszusprechen kann eine Entlastung für die betroffenen Personen bedeuten. Wenn dagegen die Gewohnheit der Mehrheit als „Normalität“ kommuniziert wird, und die Erfahrungen der Minderheiten nur als Abweichung wahrgenommen oder gleich gar nicht wahrgenommen werden, kann das für diese Personen sehr frustrierend sein.

 

Last but not least, meine dritte und vielleicht brisanteste These für heute:

  1. Gleichberechtigte Teilhabe bedeutet gleichberechtigte Teilhabe an allen Entscheidungen, auch an Leitungs- und Strukturentscheidungen.

Warum denke ich, dass das brisant ist? Zum einen habe ich gehört, dass an den Ökumenischen Vorbereitungsausschuss noch niemand mit dem Wunsch herangetreten ist, gleichberechtigt und gleichverpflichtet mitzuarbeiten. Und es liegt auf der Hand, dass nicht alle gleich leistungsfähig sind, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Bei uns in Frankfurt ist es zum Beispiel so, dass die katholische und die evangelische Kirche die mit Abstand höchsten Beiträge in das Budget des Rates der Religionen einzahlen. Sie zahlen anteilig wesentlich mehr, als sie stimmberechtigte Mitglieder in den Rat entsenden. (Allerdings zahlen Vertreter der kleinsten Religionen teilweise ihre Mitgliedsbeiträge aus eigener Tasche, weil ihre Gemeinden Schwierigkeiten haben, das Geld aufzubringen.)

Was schlage ich also vor?

Ist es die richtige Antwort, den ÖVA zu öffnen für die zwei oder 4 oder 6 wichtigsten Religionen in Deutschland? Wäre es wichtig, ihn zu erweitern um Gruppen, die bereit sind, gleichberechtigte Beiträge zu leisten? Sollte es ein System rotierender Ehrenmitgliedschaften von jeweils zwei zusätzlichen Religionsgemeinschaften pro Jahr geben? Sollte die Interkulturelle Woche in Deutschland insgesamt breiter aufgestellt, auch mehr säkulare Kräfte einbezogen werden?

Oder sollte vielleicht der andere Weg gegangen werden – die Interkulturelle Woche als „Ökumenische Interkulturelle Woche der christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften“ zu positionieren und damit nicht nur Raum zu schaffen für eine andere, breiter aufgestellte Woche der Vielfalt – sondern auch eine Anlaufstelle zu schaffen für Begegnungen mit Christinnen und Christen – über die es ebenso viele Wissenslücken und Vorurteile gibt wie über andere Gruppen.

Das kann ich Ihnen nicht sagen, und ich würde es mir auch nicht anmaßen, dazu von außen – ohne gleich verantwortlich mitzuarbeiten – eine eindeutige Meinung zu haben.

Aber vielleicht können wir darüber ins Gespräch kommen. Denn dass es möglich und vielleicht auch an der Zeit ist, die Interkulturelle Woche an eine neue Vielfalt in Deutschland anzupassen, da bin ich ziemlich sicher.