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Terroranschlag gegen Sikh-Gemeinde in Essen

Pressemitteilung des Rates der Religionen vom 21.04.2016 zu den Ereignissen in Essen

 

Gewalt im Namen der Religion ist ein Anschlag auf die Religion

Am vergangenen Wochenende wurde ein Sprengsatz in der Sikh-Gemeinde Essen gezündet. Drei Menschen wurden verletzt, einer davon schwer. Der Essener Polizeipräsident Frank Richter bestätigt, dass die Tat als „religiös eingefärbter Terrorakt der islamistischen Szene“ zu werten sei. Nach Angaben von Richter haben die zwei gefassten 16-jährigen Täter in ihren Vernehmungen ein Teilgeständnis abgelegt. Ein weiterer Verdächtiger wird vernommen. Es ist bereits der zweite Angriff von Heranwachsenden unter Missbrauch des Islams in Deutschland innerhalb von zwei Monaten.

Neu ist, dass eine religiöse Minderheit in Deutschland Opfer von Terror durch den Missbrauch von Religion geworden ist. Seit dem Anschlag sind Sikhs auch in Frankfurt, in der die größte Sikh-Gemeinde in Deutschland beheimatet ist, um ihre Sicherheit besorgt. Die Essener Sikh-Gemeinschaft zählt mit mehreren hundert Mitgliedern zu den großen in Nordrhein-Westfalen. An einer lange geplanten Prozession durch die Essener Innenstadt an diesem Sonnabend hält die Gemeinde fest.

Der Rat der Religionen verurteilt die Anschläge und wünscht den Opfern eine schnelle Genesung. Eine gruppen- und religionsübergreifende Solidarität mit der Sikh-Gemeinde und Aufklärung der genauen Hintergründe ist zentral, um den Zusammenhalt der Religionen und der Gesellschaft zu fördern und der erwünschten Spaltung durch Terror entgegen zu treten.

Gewalt im Namen der Religion ist immer auch ein Anschlag auf die Religion. Terror im Namen der Religion diskreditiert alle Religionen. Der Gewaltakt zeigt, dass zunehmend auch  jüngere Menschen radikalisiert werden. Es ist daher viel stärker als bisher erforderlich, präventiv gegen alle Formen der Radikalisierung in den Gemeinden vorzugehen.

Religion inspiriert idealerweise zu Tugendhaftigkeit und stärkt das Gefühl, dass wir alle einen gemeinsamen Ursprung als Menschenfamilie  und Gäste auf der Erde haben. Dies ist die Grundlage für ein friedliches Leben und die Überwindung von Gewalt und Ausgrenzung. Die spirituellen und universellen Weisheiten, auf welche die Sikh-Religion zurückgeht, erinnern uns daran, dass Religion die Aufgabe hat, fortwährend das Schlechte in uns und in unserer Gesellschaft zu überwinden. Loyalität bedeutet demnach nicht, die Augen vor Fehlentwicklungen in den eigenen Reihen zu verschließen. Im Gegenteil: Loyalität bedeutet, den Mut zu haben, gerade dann öffentlich die Stimme zu erheben, wenn im eigenen Haus Fehlentwicklungen bekannt werden.

Wir ermutigen Jugendliche und Verantwortliche in allen Religionsgemeinden zur unvoreingenommen Selbstreflektion. Wir sollten hellhörig werden, wenn u.a. folgende Haltungen dominieren:

– Alle müssen von meiner Religion überzeugt werden. Notfalls auch mit Gewalt.

– Gewalt im Namen der Religion ist gute Gewalt.

– Der Kampf gegen Andersgläubige oder vermeintlich Ungläubige ist eine religiöse Pflicht.

– Als religiöser Mensch muss ich mich nicht an die Rechtslage halten.

– Die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ist eine Sünde.

– Im Namen meiner Religion sollte ein Staat gegründet werden.

– Kritik an Entwicklungen in der eigenen Religionsgemeinschaft ist Gotteslästerung.

– Dialog führt man nicht mit Andersgläubigen.

– Religionsfreiheit fordere ich nur für mich und meine Religionsgemeinschaft.

Sollten solche Einstellungen vorherrschen, dann ist ein grundsätzliches Umdenken erforderlich. Dies ist aber nur dann möglich, wenn insbesondere auch der Religionsunterricht transparent gestaltet wird und Jugendliche eine umfassende religiöse Bildung sowie Raum für Dialog und Reflexion erhalten. Hierbei ist auch eine engere Zusammenarbeit  mit staatlichen Stellen notwendig.

Frieden kann nur gelingen und bewahrt werden, wenn alle Menschen, unabhängig von ihrem Hintergrund, solidarisch füreinander einstehen. Der Terrorakt gibt uns allen die Gelegenheit dazu, näher zu rücken. Auch in Frankfurt.

Weitere Informationen zur Sikh-Religion finden Sie unter www.sikh-religion.de.