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Presseartikel zum Empfang bei der OB Petra Roth am 15.5.09

FAZ 15.5.09
Kirchenobere sorgen für Irritation

Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) hat gestern den neuen Rat der Religionen empfangen und dessen Arbeit gewürdigt. Das Treffen hatte aber auch ein heimliches Thema: den Streit um den Hessischen Kulturpreis.

Kopf schütteln im Kaisersaal: Schon bevor die Repräsentanten des neuen Rates der Religionen in den benachbarten Limpurgsaal gingen, wohin Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) zum Empfang geladen hatte, äußerten christliche Vertreter ihr Unverständnis über zwei ihrer führenden Köpfe. Und auch nach der Ehrung wollte niemand von ihnen den Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann und den früheren Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Peter Steinacker, verteidigen. Im Gegenteil: Deren Verhalten im Zusammenhang mit der Verleihung des Hessischen Kulturpreises wurde deutlich kritisiert.

Wie berichtet, wollten Lehmann und Steinacker den Preis (mit ihm soll am 5. Juli auch Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, ausgezeichnet werden) ablehnen, falls gmeinsam mit ihnen auch der muslimische Schriftsteller Navid Kermani geehrt worden wäre. Anlass war dessen Äußerung in der Beschreibung einer Kreuzesdarstellung, die er in einer römischen Kirche gesehen hatte: Er lehne die Kreuzestheologie als „Gotteslästerung und Idolatrie“ ab, schrieb Kermani. Aber auch: Er habe den Anblick als so berückend empfunden, „so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben.“ Steinacker hielt dem entgegen, dass der Begriff „Gotteslästerung“ für den Gekreuzigten in dem Text bis zum Ende unwidersprochen bleibe. Er könne sich nicht gemeinsam mit Kermani ehren lassen. Lehmann hat sich bisher nicht öffentlich geäußert – es darf davon ausgegangen werden, dass er und Steinacker ihren Schritt abgesprochen haben.

Dieser stieß gestern auf deutliche Kritik – nicht nur unter der Hand. „Kermani gegenüber ist eine Entschuldigung nötig“, urteilt der Vorsitzende des im April gegründeten Rates der Religionen, der griechisch-orthodoxe Priester Athenagoras Ziliaskopoulos. Eigentlich habe Kermani eine sehr positive Betrachtung geschrieben. Raban Tilmann, katholischer Stadtdekan und Ratsmitglied, hält es für besser, wenn die Preisverleihung abgesagt würde. Die Ehrung für Kermani sei umgeschlagen in dessen Diskriminierung. Gabriele Scherle, Pröpstin der EKHN für Rhein-Main, hofft, dass der Vorgang den interreligiösen Dialog in der Stadt nicht beschädige. „Wir lassen uns nicht entmutigen.“

Der stellvertretende Ratsvorsitzende und Vertreter der Muslime im Vorstand, Ünal Kaymakci, sagte, Kermanis Äußerungen seien für Muslime irritierender als für Christen. Er könne den Protest Lehmanns und Steinackers nicht nachvollziehen. „Die Auseinandersetzung zeigt aber auch, dass ein Rat der Religionen umso wichtiger ist.“

Das hätte die Oberbürgermeisterin wohl auch gesagt, wenn sie in ihrer Ansprache auf den Konflikt eingegangen wäre. Aber weil es auch sonst genügend Herausforderungen im multireligiösen Frankfurt gibt, lobte sie die „integrierende“ Kraft des Rates und das Engagement seiner 23 Mitglieder aus zehn Religionsgemeinschaften. Die Wertschätzung und Freude, die sie dem Rat entgegenbringt, sind nicht gespielt: Roth ist stolz auf das Gremium, dessen Zustandekommen sie gemeinsam mit Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) unterstützt hat.

Auf den Kulturpreis-Streit ging auch Ziliaskopoulos in seiner Rede nicht ein. Er sagte, der Rat wolle sich für ein friedliches Zusammenleben aller in der Stadt einsetzen und helfen, Vorurteile abzubauen – ein, wie es scheint, mitunter sehr schwieriges Vorhaben. Toe.

FR 15.5.09
Rat der Religionen
Herzliche Begrüßung der Religionen
VON MARTIN MÜLLER-BIALON

Mehr Anerkennung geht nicht. Es sei für die Stadt „eine Ehre, Sie zu diesem Empfang einladen zu dürfen“, begrüßte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) die „hochverehrten“ Gäste am Freitag im Limpurgsaal des Römers. Gemeint waren die Vertreter von zehn Glaubensgemeinschaften, die sich zum Rat der Religionen zusammengeschlossen haben.

Für die herzliche Begrüßung gibt es eine einfachen Grund: Von der Arbeit des interreligiösen Dialogs profitiert die Stadt, ohne ihm selbst anzugehören. „Wir haben jetzt wieder etwas, das es in anderen Städten nicht gibt“, bemerkte Roth. Dafür sei man „sehr, sehr dankbar“. In der internationalsten Stadt Deutschland sei eine Institution wie der Rat der Religionen „ein Beitrag zum urbanen Leben“. Vor sechs Wochen hatten die 23 Mitglieder den Rat offiziell gegründet. Gedacht sei das Gremium als „Forum des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit“, betonte der Vorstandsvorsitzende Athenagoras Ziliaskopoulos von der griechisch-orthodoxen Gemeinde. „Wir haben die Notwendigkeit des Dialogs begriffen.“ Religionen könnten nicht abschottend sein.

Rat der Religionen

Nach fünf Jahren Vorbereitungszeit haben Vertreter von zehn Glaubensgemeinschaften im April den Rat der Religionen gegründet. Das Gremium ist in dieser Form einzigartig in Deutschland. Vorsitzender des sechsköpfigen Vorstands ist der griechisch-orthodoxe Geistliche Athenagoras Ziliaskopoulos. Zur Aufgabe haben sich die 23 Mitglieder des Rats gemacht, Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und daraus resultierende Konflikte zu erörtern.

Der Rat werde sich vornehmlich „mit Irdischem befassen“, betonte Ziliaskopoulos. Fragen des alltäglichen Zusammenlebens sollen dort besprochen werden, um theologische Fragen soll es weniger gehen. „Wir müssen den anderen nicht nur akzeptieren, sondern müssen uns auch um ihn kümmern“, beschrieb der Vorsitzende das Ideal.

Gemeinsames Gebet stößt auf Widerspruch

Der Rat unterdessen seine Arbeit aufgenommen und wird sich auch alsbald mit den ersten kniffligen Fragen zu beschäftigen haben. So wird es bei der ersten formellen Sitzung am 25. Mai auch um die Idee einer interreligiösen Feier im Rahmen der im November geplanten interreligiösen Woche gehen. Das Vorhaben, auch ein gemeinsames Gebet zu organisieren, stößt auf Widerspruch. „Für uns kann es ein interreligiöses Gebet nicht geben“, erklärt der katholische Stadtdekan Raban Tilmann.

Er weist zudem darauf hin, dass etwa die Buddhisten keinen Gott kennen, zu dem man beten könnte. Säkulare Gruppen hätten sich darüber beklagt, dass im Programm der interreligiösen Woche auch Angebote der Kirchen auftauchen. Tilmann schließt daraus, dass „auch die Nichtreligiösen Wert auf ihr Bekenntnis legen“.

Oberbürgermeisterin Roth wies in ihrer Begrüßung darauf hin, dass inzwischen ein Drittel der Frankfurter keiner Kirche angehören. Nach ihrer Auffassung sei der Rat auch für diese Menschen zuständig.

FR 16.5.09
Kommentar
Bitte keine Plauderrunde
VON MARTIN MÜLLER-BIALON

Bis jetzt war alles ziemlich leicht. Man traf sich in munterer Runde, versicherte sich gegenseitig des guten Willens und formulierte wohlfeile Absichten. So weit, so gut. Langsam aber wird es ernst. Die ersten Konflikt-Themen im neuen Rat der Religionen zeichnen sich ab. Schon bald könnte sich zeigen, ob die fünfjährige Vorbereitung für das interreligiöse Dialogforum ausgereicht hat. Eine der ersten Fragen wird sein: Können Gläubige verschiedener Religionen gemeinsam beten?

Einfache Frage, schwierige Antwort. Da stoßen die Gespräche ganz schnell an die Grenze zur Theologie. Dabei will der Rat kein theologischer Expertenkreis sein, sondern Alltagsfragen erörtern. Dass dieser Anspruch nicht leicht zu erfüllen sein wird, macht das Beispiel Beten deutlich.

Wie wunderbar. Gleich zu Beginn ein Thema, das so richtig ans Eingemachte geht. Etwas Besseres hätte dem Rat gar nicht passieren können. Alle Mitglieder, ob Christen, Juden, Muslime, Hindus oder Buddhisten, sind nun gefordert, Stellung zu nehmen. Die Gefahr, dass der Rat der Religionen zur unverbindlichen Plauderrunde von Gutmenschen verkommt, scheint jedenfalls nicht gegeben. Gott sei Dank.

FR 3.6.09
Streit um Kulturpreis
Religionsrat sieht Dialog

Der im April gegründete Rat der Religionen hat sich zum ersten Mal öffentlich zu Wort gemeldet. In einer Stellungnahme zum Konflikt um den hessischen Kulturpreis betont das aus 23 Vertretern von acht Religionen bestehende Gremium, der Dialog sei nicht gestört.

Mit Bedauern stelle man fest, so heißt es in der Stellungnahme, „dass der Streit um den hessischen Kulturpreis 2009 in der Öffentlichkeit zu der Wahrnehmung geführt hat, der Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften sei ernsthaft beschädigt worden“.

Der Rat widerspreche der Behauptung, dass durch die Auseinandersetzung zwischen den Preisträgern der Dialog der Religionen „an sich gescheitert, beziehungsweise per se unmöglich“ sei.

Der Streit um den Kulturpreis hatte sich entzündet, nachdem der muslimische Preisträger Navid Kermani den christlichen Glauben an das Kreuz als Gotteslästerung bezeichnet hatte. Daraufhin hatten Kardinal Karl Lehmann und der frühere evangelische Kirchenpräsident Peter Steinacker erklärt, den Preis nicht gemeinsam mit Kermani entgegennehmen zu wollen.

Unbeachtet dieses Konflikts sei festzuhalten, schreibt der Rat, „dass der Dialog jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit an vielen Orten und in vielen Initiativen lebendig und ernsthaft geführt wird“. Konflikte gehörten zum Dialog und müssten offen und mit Respekt für die anderen ausgetragen werden.