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Frankfurt will religiöse Feste stärker würdigen

Artikel in der RHEIN-MAIN ZEITUNG

SAMSTAG, 31. DEZEMBER 2016

Frankfurt will religiöse Feste stärker würdigen

Gemeinsames Projekt mit Rat der Religionen / Weitere gesetzliche Feiertage derzeit nicht geplant

toe. Frankfurt. In Frankfurt sollen religiöse Feiertage auch kleinerer Religionsgemeinschaften vom nächsten Jahr an mehr als bisher öffentlich gewürdigt werden. Das plant der Rat der Religionen gemeinsam mit Oberbürgermeister Peter Feldmann und Integrationsdezernentin Sylvia Weber (beide SPD). „Die Idee ist schon weit gediehen“, sagt Khushwant Singh, der Vorsitzende des Rates der Religionen, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Geplant ist, dass jede im Rat vertretene „Religionsfamilie“ – Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Hinduisten, Sikhs und Bahai – einen hohen Feiertag benennen, zu dem Feldmann Vertreter im Römer empfängt, wie Singh schildert. Außerdem soll es eine jeweils passende Informationsveranstaltung geben, die mit einer Ausstellung verbunden ist. Auch die Jüdische Gemeinde, deren Mitgliedschaft im Rat nach einer Auseinandersetzung mit muslimischen Repräsentanten im August 2014 ruht, beteiligt sich an dem Projekt.

„Wir wollen solche Termine im städtischen Protokoll stärker berücksichtigen und der Öffentlichkeit jeweils veranschaulichen, wie sich solche Feiern in Frankfurt lokal ausprägen“, erläutert Weber. Es gehe um die „soziale Realität in unserer heute multikulturellen und multireligiösen Stadt“ und weniger um Glaubensinhalte der Gemeinschaften. „Miteinander entsteht durch wechselseitige Anteilnahme, Wissen übereinander und Öffnung füreinander.“

Der Vorstand des Rates der Religionen hatte sich vor kurzem in einem Positionspapier für eine stärkere öffentliche Würdigung religiöser Feiertage ausgesprochen. Der Vorstand verweist auf die wachsende „kulturelle, religiöse beziehungsweise weltanschauliche“ Vielfalt in Deutschland. Die geltenden Regeln zum Feiertagsschutz repräsentierten zunehmend nicht mehr die soziale Realität. Daher müssten „alternative Modelle“ geprüft werden.

Als umfassende Lösung regt der Vorstand an, Religionen ein Kontingent an Feiertagen zu geben, die an unterschiedlichen Terminen in Anspruch genommen werden können. Es gehe aber nicht um Gleichmacherei, hebt Singh hervor. Der historisch gewachsene Kontext in Deutschland – gemeint ist die Bedeutung christlicher Feiertage – müsse beachtet werden. Wie eine Kontingentlösung aussehen könnte, beschreibt der Vorstand nicht. Aber es sei wichtig, dass der Staat „ein öffentliches Signal der Anerkennung bestehender Vielfalt“ gebe. Dazu müssten grundsätzliche Regelungen gefunden werden, von denen auch kleinere Gruppierungen profitieren könnten, nicht nur Muslime.

Bis es gesetzlich geschützte, nichtchristliche Feiertage gibt, dürfte es noch recht lange dauern. Laut dem Sprecher des hessischen Innenministeriums hat sich der Landtag wiederholt mit Petitionen von Bürgern befasst, die sich wünschten, weitere Feiertage in das Hessische Feiertagsgesetz aufzunehmen. Diese Anliegen seien „bislang durchgängig nicht aufgegriffen“ worden.

In Hessen sind außer den Sonntagen neun Feiertage geschützt. Sechs davon sind religiös, das heißt christlich, begründet. Es bestünden derzeit keine Absichten, weitere Feiertage – unabhängig von welcher Religion – unter gesetzlichen Schutz zu stellen, so der Ministeriumssprecher.

Das, was nun in Frankfurt geplant ist – die Würdigung religiöser Vielfalt durch die Stadtpolitik an Feiertagen – nennt der Vorstand des Rates der Religionen eine „öffentliche symbolische Anerkennung“, die hilfreich sein könne. Nach Ansicht von Singh ist damit „schon viel getan“. Ihm zufolge könnte die Idee ein erstes Mal im April in die Tat umgesetzt werden – sogar multireligiös. Christen feiern Ostern, ihr höchstes Fest. Gleichzeitig begeht die Sikh-Gemeinschaft, der Singh angehört, einen ihrer höchsten Feiertage, das Vaisakhi-Fest. Es ist ein Erntedankfest, an dem auch der Gründung der „Gemeinschaft der getauften Reinen und Tugendhaften“ gedacht wird, jener Sikhs, die sich in der Pflicht sehen, zum Wohl der Gesellschaft beizutragen.

Geplant ist, dass der Oberbürgermeister Christen und Sikhs gemeinsam empfängt. Zu überlegen wäre, ob nicht auch Juden hinzukommen müssten ; sie feiern im April das Pessachfest. Ähnlich gebündelt sollen die Empfänge für andere Religionsgemeinschaften organisiert werden, wenn deren Feiertage in zeitlicher Nähe liegen.

Außerdem schlägt der Rats-Vorstand die Einführung eines „werteorientierten Feiertags“ vor, den auch Religionslose mitfeiern könnten, etwa einen „Tag der Menschenrechte“ oder der „Dankbarkeit und Achtung“. Ein solcher Feiertag verbinde Menschen miteinander, losgelöst von Konfessionen oder historischen Ereignissen. Aber auch der Tag der Deutschen Einheit könne genutzt werden, um eine „übergreifende Gemeinschaftlichkeit“ zu betonen.