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FAZ würdigt die Leistungen von Ilona Klemens

Die ehemalige Geschäftsführerin des Rates hat den interreligiösen Dialog in Frankfurt geprägt.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Mittwoch, 9. März 2016

Die evangelische Mittlerin

Für den interreligiösen Dialog in Frankfurt hat Pfarrerin Ilona Klemens Maßstäbe gesetzt

Ohne Ilona Klemens wäre der interreligiöse Dialog in Frankfurt nicht der, der er heute ist. Das zu sagen ist nicht übertrieben. Denn ohne sie wäre der Rat der Religionen vermutlich nicht entstanden. Das war zwar nicht das einzige Projekt der für den interreligiösen Dialog zuständigen evangelischen Pfarrerin in Frankfurt, aber ihr größtes. Wenn sie am Sonntag nun nach 13 Jahren im Amt verabschiedet wird, kann sie stolz darauf sein – auch wenn es im Rat der Religionen in der jüngeren Zeit ziemlich hoch hergegangen ist. Bis heute lässt die Jüdische Gemeinde nach dem Protest gegen Äußerungen muslimischer Vertreter ihre Mitgliedschaft ruhen.

Dass der interreligiöser Dialog alles andere als eine Schönwetter-Veranstaltung ist, weiß Klemens und hat deshalb immer wieder darum geworben, in einer guten Streitkultur Konflikte auszutragen. Getreu ihrem Grundsatz: „Dialog gibt es nicht zwischen Religionen, sondern zwischen Menschen.“

Und weil dem so ist, hat Klemens als Mittlerin stets viel Zeit darin investiert, Beziehungen zwischen Gläubigen der verschiedenen Glaubensrichtungen zu knüpfen, nicht nur im 2009 gegründeten Rat der Religionen, sondern auch bei interreligiösen Reisen und anderen Zusammenkünften. Sowenig sie die religiöse Vielfalt geängstigt hat, sosehr weiß sie, dass man sie gerade in einer Stadt wie Frankfurt konstruktiv gestalten muss.

Sich dafür einzusetzen ist mittlerweile selbstverständlicher geworden, wie die 50 Jahre alte, aus dem kleinen rheinhessischen Mommenheim stammende Pfarrerin, die sich schon als Studentin für die Theologie der Religionen interessierte, beobachtet hat. Auch immer mehr Kollegen und ihre Kirche selbst hätten erkannt, wie wichtig das Thema ist. Ihre im Stadtdekanat angesiedelte Stelle soll im Sommer neu besetzt werden.

Auch in Schulen ist Klemens zusammen mit einer Muslima und einer Jüdin gegangen, um als „abrahamisches Team“ Schülern zu zeigen, dass und wie interreligiöser Dialog funktioniert, und sie dazu zu ermuntern, ihn selbst zu führen. Sie warnt davor, aus der Schule quasi einen religionsfreien Raum machen zu wollen. „Religion gehört an die Schule, weil das Leben vieler Menschen religiös ist.“ Wichtig ist ihr auch, dem salafistischen Einfluss auf Schüler entgegenzuwirken – gemeinsam mit anderen Akteuren.

Klemens ist gut vernetzt in der Stadt, die sie nun zumindest beruflich verlässt. Wohnen wird sie weiterhin in Frankfurt, ihr Arbeitsfeld aber wird künftig die Evangelische Studierendengemeinde in Mainz sein, wo sie mit einem Kollegen zusammenarbeiten wird. Zwar hätte sie nach ihrem Vertrag auch weiter im interreligiösen Dialog in Frankfurt tätig sein können, aber nachdem sie die Geschäftsführung des Rates der Religionen aufgegeben hatte, stand sie, wie sie sagt, vor der Wahl „sich neu zu erfinden oder etwas anderes zu machen“. Genau in jener Phase wurde sie auf die Ausschreibung aus Mainz aufmerksam, bewarb sich und bekam die Stelle als Hochschulpfarrerin.

Dort wird sie wieder mehr die klassischen Aufgaben eines Pfarrers wahrnehmen: Gottesdienste halten, Seelsorge und Beratung anbieten. Und sie wird nicht mehr so sehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen, wie das ihre Aufgabe in Frankfurt mit sich brachte.

Jetzt kann sich Klemens erst einmal eine dreimonatige Auszeit nehmen, für einen Studienurlaub zum Thema „Geistliches Leben“. Die Zeit will die Pfarrerin auch für die Kontemplation nutzen, um Kraft zu finden. „Ich bin schon ein wenig erschöpft.“ Die Karwoche verbringt sie im Benediktinerinnen-Kloster Engelthal, im Mai ist sie zu Gast in der Ökumenischen Kommunität „Iona“ in Schottland. Am 1. Juli beginnt sie dann mit ihrer neuen Tätigkeit in Mainz – der Stadt, in der sie einst ihr Theologiestudium begann.      toe.